Magazin für Mobilität, Verkehrspolitik und Fahrradkultur Herausgegeben vom ADFC Sachsen e. V.

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Interviews

Wie viele Menschen mit dem Rad fahren, ist eine Frage des politischen Willens, sagt der Dresdner Verkehrswissenschaftler Prof. Udo Becker. Den neuen Sächsischen Landesverkehrsplan bezeichnet er als unambitioniert und ideologisch in den sechziger Jahren steckengeblieben. Wir haben ihn interviewt.

In den letzten 20 Jahren hat es insbesondere in den neuen Bundesländern eine starke Zunahme des Autoverkehrs gegeben. Kann man dieses Wachstum denn beeinflussen oder ist das eine objektive Größe?

Wie sollte man das nicht beeinflussen können? Entschuldigung! Unsere Gesellschaft bietet den Menschen Optionen an: Und wir können ihnen ganz verschiedene Angebote machen. Die Menschen stellen sich in ihrem Verhalten dann darauf ein und handeln danach: Logischerweise kann die Gesellschaft damit durch ihre Angebote das Verhalten mitentscheiden, immer!

Natürlich muss jede Stadt und jede Gesellschaft den Menschen die Möglichkeiten für Mobilität bieten, das ist unverzichtbar – aber womit die Menschen dann mobil bleiben, mit welchen Instrumenten, das muss die Gesellschaft diskutieren und entscheiden.

Gilt das denn auch für den Radverkehr? Bedeuten mehr und breitere Radwege automatisch mehr Menschen auf dem Fahrrad?

Aber logisch, das gilt immer – aber nur Radwege bauen reicht allein nicht. Das gilt in unserer Gesellschaft immer, bei jedem Angebot in Läden und auch beim Radverkehr: Wenn ein Pizzaservice will, dass er mehr Pizzen verkauft, dann macht er sie attraktiver, schöner und billiger. Und wenn die Politik will, dass wir das Fahrrad nutzen, ja dann würde sie Radinfrastrukturen bauen und die Nutzung darauf attraktiv machen. Das soll heißen: Radfahren wird sicher, schnell, bequem, am Ende der Strecke steht ein Fahrradständer, und der muss gesichert und überdacht sein. Und wenn einmal ein Fahrrad geklaut würde, dann müsste sich die Polizei drum kümmern: richtig kümmern. Als in einer Stadt die Polizei einmal eine echte Task-Force gegründet hat, gingen dort die Diebstähle um mehr als 80 % zurück. Man kann also, wenn man will: Es müssten nur mehr Gelder für die Polizei und diese Aufgabe vorgesehen werden. Und dann würden die Menschen dieses Angebot natürlich viel öfter nutzen, weil es einfacher geht: Man spart Geld, bleibt gesünder, reduziert Abgase und Lärm, vermeidet Flächenverbräuche, muss nicht Tanken und so weiter – die ganze Gesellschaft und die Menschen profitieren. Es muss ja nicht jeder immer Fahrrad fahren – aber die, die das wollen, denen soll es auch ermöglicht werden.

Die sächsische Landesregierung will einen „ideologiefreien und diskriminierungsfreien Wettbewerb“ zwischen den Verkehrsmitteln. Haben wir in Sachsen solch einen diskriminierungsfreien Wettbewerb?

Ich schätze unsere sächsische Landesregierung außerordentlich. Es ist immer wieder schön zu hören, was sie so an Erklärungen und Bilanzen veröffentlicht. Ich war vor kurzem als Gutachter in den Sächsischen Landtag zur Anhörung über den Entwurf des Landesverkehrsplans geladen, und dieser Entwurf nennt sich an mehreren Stellen „ideologiefrei“. Wenn aber dieser Entwurf des Sächsischen Landesverkehrsplans eines nicht ist, dann ist er „ideologiefrei“: Denn dort geht es in weiten Teilen einfach darum, dass Verkehr „wachsen können soll und muss“ und dass man immer und überall Auto fahren können soll. Und gleichzeitig werden ohne Not die Mittel für den ÖPNV gekürzt – ganz „ideologiefrei“ sollen die Nutzer des Öffentlichen Verkehrs nicht mehr mobil sein können. Das ist wirklich richtig cool, ich empfehle allen, den inzwischen beschlossenen Plan zu lesen: Er ist im Internet verfügbar. Statt einfach nur die bisherigen Entwicklungen fortzuschreiben, müsste die Landesregierung sagen, wie wir denn künftig – bei steigenden Benzinpreisen, mit weniger Steuereinnahmen, im Klimawandel – in Sachsen mobil bleiben wollen. Und schon kommt der Radverkehr ins Spiel: Der erlaubt nämlich viel Mobilität mit wenig Geld und wenig Schäden, der ist einfach effizienter. Ganz logisch müsste die sächsische Landesregierung also den Rad- und Fußverkehr fördern, dann hätten wir alles zusammen. Aber das Kapitel Rad- und Fußgängerverkehr im Landesverkehrsplan (anderthalb Seiten) besteht vor allem in einer langen Liste, dass 2010 und 2011 fünfzehn, ja: fünfzehn! Radverkehrsanlagen an Staatsstraßen und acht Radverkehrsanlagen an Bundesstraßen gebaut wurden. Und offensichtlich sind wir damit in Sachsen mit dem Radverkehr fertig, offensichtlich muss jetzt nichts mehr getan werden!

Was halten Sie von Bestrebungen, bestimmte Verkehrsarten weniger attraktiv zu machen?

Es kommt auf die Mischung und das Gesamtangebot an, wie immer. Wenn Sie irgend etwas in ihrer Gesellschaft wollen, dann müssen Sie das attraktiver machen. Das weiß die Regierung. Und wenn Sie wollen, dass etwas nicht so oft gemacht wird, dann müssen wir es unattraktiver machen. Genauso ist es im Verkehr: Was wir mehr wollen, muss attraktiver, sicherer und besser sein. Was teurer, gefährlich, umweltverschmutzend, klimabelastend und flächenverbrauchend ist, muss weniger attraktiv sein.

Wie beurteilen Sie die Höhe des Radverkehrsanteils in den sächsischen Städten? Sehen Sie da noch Steigerungspotential?

Keine Frage – wenn der Radverkehrsanteil noch nicht bei 100 % liegt, besteht immer Steigerungsspielraum – wenn wir das wollen. Aber wollen wir das? Eigentlich ist Radfahren billiger, es ist auch sicherer, wenn man es richtig macht, es ist leiser, umweltschonender, flächensparender, klimafreundlicher und so weiter und so fort. Das heißt: die Förderung des Radverkehrs liegt in unserem gesellschaftlichen Interesse, und wir müssten sehr viel mehr dafür tun. Viele Städte auf der Welt haben um die 40 % Radverkehrsanteil: Und dort sparen alle Geld, und die Lebensqualität ist höher. Wenn wir das wollen, dann lasst uns das doch einfach ausprobieren. Und wenn wir noch mehr wollen, dann können wir das auch machen.

Ich wünsche mir, dass wir in Sachsen in allen Städten und auch auf dem flachen Land mehr Radverkehr haben. Natürlich ist das nicht immer leicht, und kostenlos ist es auch nicht: Aber es bietet mehr Mobilität zum gleichen Geld als etwa der Autoverkehr. Natürlich müsste man dafür Rahmenbedingungen schaffen: Warum baut und bezahlt die sächsische Landesregierung autobahnartige Landesstraßen und sorgt stattdessen nicht dafür, dass in jedem kleinen Dorf ein Laden in der Nähe ist? Das wäre viel billiger, weil man nicht für jeden Einkauf weit fahren muss, und man könnte das Fahrrad benutzen, und die Leute würden viel öfter auf ihr Auto verzichten, würden Geld sparen, die Luft würde besser, man bliebe gesünder, die Krankenkassenbeiträge könnten sinken: Es gäbe nur Positives zu vermelden. Aber genau das will die sächsische Landesregierung – ganz ideologiefrei – eben nicht!

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