Magazin für Mobilität, Verkehrspolitik und Fahrradkultur Herausgegeben vom ADFC Sachsen e. V.

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Interviews

Wer sich bemüht, kann punkten

Thomas Böhmer aus Dresden hat sich viele Jahre an der TU Dresden mit Fragen des umweltverträglichen Verkehrs beschäftigt und für den ADFC den Fahrradklima-Test 2012 organisiert. Im Interview fragen wir ihn zu den Ergebnissen und zu Unterschieden zum Fahrradklima-Test im Jahr 2005.

Warum haben Ihrer Meinung nach beim aktuellen Fahrradklimatest etwa drei Mal so viele Menschen teilgenommen wie im letzten?

Der Befragungsdurchgang 2012 war explizit nicht nur auf die täglich Rad fahrenden ADFC-Mitglieder, sondern auch auf Freizeit- und Gelegenheitsfahrer als Zielgruppe ausgerichtet. Die hohe Teilnehmerzahl zeigt vor allem, dass der Radverkehr mehr und mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt und die Radfahrer ihre Meinung auch loswerden wollen. Die Gewöhnung an neue Medien hilft dabei: Während im Jahr 2005 nur ein Drittel der Teilnehmer online abstimmte, waren es 2012 über 90 Prozent. Einen richtigen Wettbewerb hat übrigens die Veröffentlichung der aktuellen Teilnehmerzahlen im Internet ausgelöst. Über ein Drittel der Teilnehmer sind während der Verlängerung der Befragungszeit im November dazu gekommen. Es besteht aber noch enorm Luft nach oben. Dazu muss man sich nur mal die Teilnehmerzahlen der sächsischen Städte anschauen, wo letztlich nur wenige die Mindestteilnehmerzahl erreicht haben, die nötig ist, um in die Wertung zu kommen.

Manche Städte sind in der Bewertung stark abgerutscht, gerade Münster, Kiel und Oberhausen, die beim letzten Fahrradklima-Test auf den ersten Plätzen waren: Wie kommt das? Haben sich die Bedingungen dort verschlechtert?

Ich bin mir sicher, dass die Radverkehrsbedingungen sich in diesen Städten nicht verschlechtert haben. Generell ist im Vergleich zum Jahr 2005 im Durchschnitt der Städte eine Verschlechterung der Gesamtwertung zu verzeichnen. Das hat methodische und sehr wahrscheinlich auch psychologische Gründe, denn in die subjektiven Bewertungen fließen ja auch gestiegene Erwartungen mit ein. Die drei genannten Städte haben es hinsichtlich der Erwartungen natürlich besonders schwer. Kiel hat sich so beispielsweise beim Punkt „Förderung in jüngster Zeit“ um mehr als eine Notenstufe verschlechtert. Es gibt aber auch ganz praktische Gründe, die durch den übergroßen Erfolg der Radverkehrsförderung verursacht sind. So geraten die Radverkehrsanlagen mittlerweile an ihre Kapazitätsgrenze und die Breite der Radwege wird zunehmend schlecht benotet.

Was ist das wesentliche Ergebnis des aktuellen Fahrradklima-Tests?

Die Bemühungen der Städte kommen größtenteils bei den Menschen an. Wo eine Stadt sich wirklich ins Zeug gelegt hat, haben sich die Werte klar verbessert. Dabei ist aber auch zu sehen, dass die Ansprüche der Menschen gestiegen sind. Was vor Jahren noch genügte, ist jetzt nicht mehr gut genug und verlangt weitere Anstrengungen. Während sich die Bewertungen der Städte beim Sicherheitsgefühl nur wenig unterscheiden, punkten engagierte Städte mit der systematischen Öffnung von Einbahnstraßen für Radfahrer in Gegenrichtung, mit öffentlichen Fahrradverleihsystemen oder anderen Werbemaßnahmen, die das Radfahren ins öffentliche Bewusstsein rücken. Wirklich herausheben kann sich eine Stadt nach wie vor, wenn sie für Radfahrer und Fußgänger akzeptable Regelungen zur Verkehrsführung an Baustellen verlangt und auch durchsetzt.

Münster hat es zum wiederholten Mal auf den ersten Platz geschafft. Liegen die Gründe dafür in der tatsächlich so guten Fahrrad-Infrastruktur oder hängt das mit dem Image als Fahrradstadt zusammen?

Ich denke nicht, dass sich in Münster viele Leute Gedanken machen, ob sie in einer Fahrradstadt leben. Man fährt dort einfach ganz unaufgeregt Fahrrad, egal ob zur Oper oder zum Businesstermin. Und weil jeder Fahrrad fährt, kümmern sich natürlich auch alle darum, dass man sicher, direkt und komfortabel fahren kann. Genau wie in Bocholt, Rees und Rhede, den Städten mit den absolut besten Bewertungen im ADFC-Fahrradklima-Test.

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