Magazin für Mobilität, Verkehrspolitik und Fahrradkultur Herausgegeben vom ADFC Sachsen e. V.

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Interviews

Nein, man fällt damit nicht um!

Heike Bunte hat in einem Liegeradbetrieb Zweiradmechanikerin gelernt und auch selbst Liegeräder gebaut. Sie ist außerdem aktiv Rennrad gefahren, vor allem lange Distanzen (über 200 Kilometer am Stück). Zu ihrem Mobilitätsschatz zählt sie neben Stadträdern auch Falträder und ein Lastenrad. Liegeräder besitzt sie drei Stück und fährt insbesondere die langen Distanzen und im Urlaub nur noch mit dem Liegerad. Heike Bunte ist erste Vorsitzende des HPV Deutschland e.V. und organisiert derzeit mit der Stadt Leer (Ostfriesland) die Liegerad-Weltmeisterschaften sowie das Fahrradfestival in Leer vom 21.-23. Juni 2013. Dort wird es einen Probierparcours geben, mit Liegerädern, Dreirädern und vielem mehr. Nähere Informationen unter www.hpv.org.

Wie kommt man auf die Idee, im Liegen Rad zu fahren?

Indem man sich Gedanken darüber macht, wie man mit der eigenen Kraft effizienter und zugleich komfortabler von A nach B kommt. Dies ermöglicht das Liegerad, weil es aerodynamisch optimiert ist und man somit seine Kraft besser verwertet. Komfortabler ist es aufgrund der eher liegenden Position, die das Körpergewicht auf eine größere Fläche des Rückens verteilt.

Wofür werden Liegeräder benutzt? Doch sicher eher selten im Stadtverkehr, oder?

Die Modellvielfalt ist bei Liegerädern genauso groß wie bei anderen Rädern auch. Es gibt den Hollandradtyp, den Renner, dass Alltags- und Transportrad, den Faltlieger und last but not least das Reiserad. Außerdem bieten sie zahlreiche Möglichkeiten, damit auch Menschen mit Handicaps weiterhin mobil bleiben können. Für Kinder sind sie eine Mischung aus Spaßrad und Transportmittel im Alltag. Sie kommen also durchaus auch im Stadtverkehr vor, gerade die Modelle mit etwas höherem Sitz.

Worin sehen Sie Gründe, dass Liegeräder im Vergleich zu „normalen“ Fahrrädern eher wenig verbreitet sind?

In den 1910er und 1920er Jahren gab es noch große Stückzahlen von Liegerädern. Ab den 1930er Jahren hatte es das Fahrradfahren insgesamt sehr schwer. Dem konnten sich auch Liegeräder nicht entziehen. Anfang der 1980er Jahre wurde das Liegerad in Europa dann in Form von Eigenbauten gewissermaßen neu erfunden. Seitdem gibt es eine systematische technische Weiterentwicklung. Seit vielen Jahren verzeichnen Hersteller von Liegerädern Zuwächse und wir sind sicher, dass in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer mehr Menschen das Liegerad als komfortable Alternative nutzen werden.

Ein aktueller Trend ist das Liegerad als Reiserad, denn es ist bequem, im Liegen durch die Landschaft zu gleiten und im Nacken- und Schulterbereich bleibt man entspannt. Ganz zu schweigen von den nicht vorhandenen Poschmerzen!

In den letzten Jahren sieht man immer mehr Liegeräder. Wie erklären Sie sich das?

Die Szene hat sich in den letzten 25 Jahren stark professionalisiert. Das Liegerad wird nicht mehr dem Thema „Bastelrad für Spinner“ zugeordnet. Ehemalige Tüftlerwerkstätten wie Hase, HP Velotechnik, Flux und Toxy sind mittlerweile zu mittelständischen Unternehmen herangewachsen, die mit großem Erfolg ihre Produkte weltweit vermarkten. Das gibt natürlich Rückenwind. Sicherlich ist auch der allgemeine Trend zum Radfahren dienlich. Das Fahrrad ist auf der Überholspur. Wir erleben derzeit eine Veränderung im Verkehrs- und Mobilitätsverhalten. Das überzeugt gerade die sehr junge Generation, die immer weniger Wert darauf legt, einen PKW-Führerschein zu besitzen. Dies birgt gute Chancen, auch für das Liegerad. Auch wenn man immer gefragt wird, ob man wirklich darauf fahren kann. Ja! Natürlich! Nein, man fällt damit nicht um (lacht).

Und da wären wir ja auch schon bei den Vorurteilen. Warum wird man immer wieder gefragt, ob man damit nicht umfällt oder ob es bequem ist?

Ja, in der Tat, man wird immer wieder gefragt, ob es denn bequem sei oder ob man damit nicht umfällt. Das sind aber oft eher Versuche, ins Gespräch zu kommen und Liegeradfahrer nehmen dieses Angebot meist gerne an. Was beim Liegerad wirklich erst mal anders ist: Es werden andere Beinmuskeln beansprucht. Das ist zunächst eine nicht zu unterschätzende Umstellung. Hinzu kommt, dass Erwachsene im Gegensatz zu Kindern wesentlich verkrampfter sind, wenn sie das erste Mal auf ein Liegerad steigen. Kinder haben da deutlich weniger Hemmungen. Sie steigen auf und fahren einfach los... Aufsteigen, geradeaus gucken, losfahren - die Physik der Beschleunigung macht den Rest!

Und: Ja, man kommt damit auch die Berge hoch, so wie mit jedem anderen Fahrrad auch (und viel schneller runter). Das hat natürlich auch immer etwas mit dem eigenen Trainingsstand zu tun. Ich habe schon Rennradler und Triathleten ganz locker am Berg überholt und abgehängt. Zurzeit könnte ich das allerdings nicht. Und letztlich: Es ist doch egal, wie schnell oder langsam jemand den Berg rauf kommt - sofern es nicht um einen Wettbewerb geht. Wichtig ist meines Erachtens, dass es bequem und komfortabel voran geht - und das bietet das Liegerad auf jeden Fall.

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