Magazin für Mobilität, Verkehrspolitik und Fahrradkultur Herausgegeben vom ADFC Sachsen e. V.

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Interviews

Herrmann Knoflacher ist Professor Emeritus am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der TU Wien. Seine Lehrschwerpunkte sind die Verkehrs- und Stadtplanung und Einflüsse der Mobilität auf Siedlungsstrukturen und das Sozialverhalten. Knoflacher war Redaktionsmitglied zahlreicher Fachzeitschriften, publizierte selbst über 500 wissenschaftliche Artikel sowie mehrere Fach- und Sachbücher. Knoflacher ist globaler Fußgängervertreter der UN, Mitbegründer des Verkehrsclub Österreich, Mitglied des Club of Rome, Präsident des Club of Vienna und Ehrenmitglied im ADFC Sachsen.

Sie nennen das Auto einen Virus. Wie meinen Sie das?

Das Auto hat das Denken und Handeln der Menschen so verändert, dass sie nicht mehr eine Welt für die Menschen, auch nicht mehr eine Welt für die Kinder, sondern eine Welt für die Autos zu bauen begonnen haben. Das Wesen des Menschen und seiner Gesellschaft wurde so verändert, wie ein Virus das Wesen einer Zelle verändert, die dann nicht mehr die DNA des Organismus in dem sie lebt repliziert, sondern die RNA des Virus mit ebensolchem Vergnügen und innerem Zwang, wie die Menschen es mit dem Auto machen.

Wie sind Sie darauf gekommen?

Verhalten der Menschen in seiner künstlichen Umwelt und seiner evolutionären Ausstattung einerseits und andererseits durch eine Einladung den Vortrag bei der Jahreskonferenz der Schweizer Mediziner zu halten. Da muss man sich etwas intensiver mit deren Fach beschäftigen. An sich hatte ich diese Mechanismen des Zugriffes des Autos auf die wahrscheinlich älteste Schicht unserer Evolution, die Ebene der Energieverrechnung, tief im Unterbewusstsein, schon vor drei Jahrzehnten entschlüsseln können. Die Wirkung auf die Gesellschaft ist aber nahezu identisch mit jener eines Virus auf die Zelle, die ja eine höchst komplexe Gesellschaft darstellt. Die Vorträge im Club of Vienna zum Darwin Jahr haben dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Macht Autofahren süchtig?

Die Abhängigkeit vom Auto ist vermutlich stärker als die von einer der üblichen Süchte. Auf jeden Fall stärker als zur Gesundheit, den eigenen Kindern oder der Gemeinschaft. Auf jeden Fall tötet es mehr Menschen jährlich als die meisten der heute bekannten Süchte. Das Autovirus befällt das Hirn, verändert die Wahrnehmung, das Denken, das Wertesystem des Einzelnen, wie auch der Gesellschaft, was die Frage beantwortet.

Sie wollen das Parken der Autos umorganisieren. Wieso ausgerechnet das Parken?

Weil die physische Nähe von Parkplatz und menschlichen Aktivitäten, wie Wohnen, Arbeit, Einkauf, Freizeit die Ursache für alle folgenden Probleme, nicht nur im Verkehrssystem, sondern auch in der Wirtschaft, der Umwelt und den Siedlungen ist. Um den Menschen wieder eine Mindestchance auf Wahlfreiheit zwischen öffentlichem Verkehr und Auto zu geben, müssen die Wege zum und vom Parkplatz länger als die Wege zu den Haltestellen des öffentlichen Verkehrs sein.

Ebenso wie das Ankoppeln der Viren an die Zelle zu verhindern die wirksamste Virentherapie ist, ist die Organisation der Parkplätze die einzige Maßnahme, die an der Ursache, der menschlichen evolutionären Ausstattung ansetzt, die im System wirksam ist. Die Behandlung im Fließverkehr, wie sie immer noch stattfindet zeigt nicht nur ein fundiertes Unverständnis über die Systemwirkungen im Verkehrssystem, sondern ist außerdem noch kontraproduktiv. Mit der richtigen Organisation des Parkens, verschwindendann auch die Probleme im Fließverkehr - und viele andere - nachzulesen In "Virus Auto."

Viren sind böse. Sind Elektroautos gute Autos?

Es kommt auf die Sicht an. Viren, hätten sie ein Bewusstsein, würden ihr Verhalten sicher für sehr erfolgreich halten. Auch die mächtige Zelle muss sie so attraktiv finden, dass sie ihnen gegenüber ihrer eigenen Art den Vorzug gibt. Elektroautos haben die gleiche Wirkung auf die Strukturen, außer der unmittelbaren Abgase. Sie sind sozusagen etwas raffinierte Viren. Aus der Sicht der Autoabhängigen sind es gute Autos, falls es sie einmal geben wird. Aus der Sicht des Systems haben sie die gleichen Wirkungen wie alle schädlichen oder tödlichen Viren.

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