Magazin für Mobilität, Verkehrspolitik und Fahrradkultur Herausgegeben vom ADFC Sachsen e. V.

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Interviews

Klaus Bondam, Kopenhagener Bürgermeister für Technik und Umwelt

Was meinen Sie, sind Fahrräder im Großstadtverkehr Autos überlegen? Sollten bei der Planung von Verkehrsinfrastruktur Rad- und Autofahrer gleich behandelt werden oder ist es besser, eine Verkehrsart zu bevorzugen?

Klaus Bondam: Ich glaube, die Vorstellung eines Rechts, überall und jederzeit Auto zu fahren, muss infrage gestellt werden. Und ja, Radfahrer sollten bevorzugt werden, besonders dort, wo es mehr von Ihnen gibt als Autofahrer, wie in der Norrebrogade hier in Kopenhagen. Durch diese Straße fuhren früher täglich 11.000 Autos und 30.000 Radfahrer. Im Oktober 2007 haben wir dann Einschränkungen für den motorisierten Durchgangsverkehr eingeführt. Jetzt sind es täglich 35.000 Radfahrer und 7000 Autos. So etwas kann also eine positive Wirkung haben. Wir bauen auch mehr Fahrradrouten und -brücken über unseren Hafenkanal und auch hier sieht man mehr und mehr Leute, die mit dem Rad unterwegs sind.

Wieviel hat Kopenhagen in den letzten Jahren für Radverkehrsinfrastruktur aufgewendet? Wieviel ist das im Vergleich zu den Gesamtkosten für Verkehrsinfrastruktur?

In New York, London und Paris spricht man von "kopenhagenisieren", wenn die Stadt in Fahrradinfrastruktur investiert. In Kopenhagen
haben wir in den letzten drei Jahren über 30 Mio. Euro für mehr Radwege, Radrouten und -brücken verwendet. Wir haben die Grüne Welle für Radfahrer eingeführt und aufgeweitete Aufstellmöglichkeiten vor Kreuzungen eingerichtet, damit Radfahrer dort besser zu sehen sind. Wir ruhen uns aber nicht auf unseren Lorbeeren aus, sondern wollen erreichen, dass im Jahr 2015 die Hälfte der Stadtbewohner für ihre Wege zur Arbeit und Ausbildung das Fahrrad benutzt. Dafür müssen wir auch weiterhin investieren. Ein Kostenvergleich ist schwierig. Kosten von Straßenbauprojekten werden oft nicht getrennt erfasst. Aber unserer Ansicht nach ist der Nutzen von Investitionen für den Radverkehr größer - allerdings braucht Kopenhagen als Hauptstadt Dänemarks auch Autos und Lkw.

Wie kommen bei Ihnen die Fußgänger mit den Radfahrern aus?

Natürlich gibt es in einer Fahrradstadt wie Kopenhagen auch Konflikte, aber im Großen und Ganzen geht das sehr gut. Das liegt auch daran, dass fast jeder Kopenhagener ein Fahrrad besitzt und so nicht entweder Fußgänger oder Radfahrer ist, sondern alle sind beides.

Gibt es in Kopenhagen gemeinsame oder kombinierte Geh- und Radwege oder Straßen, wo Radfahrer auf dem Fußweg fahren müssen oder dürfen?

In einigen Parks und auf unseren Radrouten ins Umland teilen sich Radfahrer und Fußgänger den Platz. Radfahren auf dem Bürgersteig ist aber nirgends erlaubt.

Löst die Radverkehrsförderung in Kopenhagen nennenswerten Widerspruch aus? Wenn ja, wer ist dagegen und was sind die Argumente der Radverkehrsgegner?

Nein, nicht wirklich. Freilich reagieren manche Autobesitzer, wenn ein paar Parkplätze vor ihrem Haus für einen neuen Radweg gebraucht werden. Es gibt auch eine kleine Fußgängerorganisation, die gegen das Befahren einiger Wege und Plätze mit dem Rad ist, aber wir finden normalerweise gute konfliktvermeidende Lösungen. Alle im Rathaus vertretenen Parteien sind für die Förderung des Radverkehrs, auch wenn nicht alle dabei so ambitioniert sind wie die Partei Radikale Venstre, der ich angehöre.

Als Kopenhagen-Besucher ist man überrascht, unter anderem von der Breite der Radwege. Wie ist es möglich, so viel Platz ausschließlich für den Radverkehr zu reservieren?

In Kopenhagen haben wir eine starke Tradition beim Radwegebau - wir tun das seit über 100 Jahren. Wir haben also viel Erfahrung und gute Argumente. Beispielsweise erfassen wir die Anzahl von Radfahrern, Autos und Lkw in beinahe allen Straßen und wissen daher, wie der Straßenraum aufgeteilt werden muss.

Auf welche Weise fördert Kopenhagen das Radfahren noch, abgesehen von den Investitionen ins Radverkehrsnetz? Gibt es ein eigenständiges Budget für Öffentlichkeitsarbeit für den Radverkehr?

Wir kümmern uns auch um Öffentlichkeitsarbeit und geben dafür jährlich etwa 100.000 Euro aus. Darüber hinaus stellen wir während des Baus neuer Fahrradstraßen Schilder auf und propagieren darauf unsere Radverkehrsziele. Die beste Werbung für's Radfahren sind jedoch die vielen Kopenhagener selbst, die täglich mit dem Rad in er Stadt unterwegs sind.

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