Magazin für Mobilität, Verkehrspolitik und Fahrradkultur Herausgegeben vom ADFC Sachsen e. V.

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Interviews

Immer mehr Menschen entdecken die Vorteile des Fahrrads für sich, legen ihre alltäglichen Wege im Sattel zurück und steigen auch im Urlaub aufs Rad. Mit diesem deutlichen Trend fürs Radfahren wächst auch der ADFC und verstärkt mit dem Umzug nach Berlin seinen Einfluss auf die Bundespolitik. Wie wird sich die Arbeit des ADFC in Zukunft entwickeln? Wir haben den neuen Geschäftsführer des ADFC-Bundesverbandes, Burkhard Stork, gefragt.

Reflektor: Immer mehr Menschen fahren Rad und fast alle Politiker finden das gut. Braucht der Radverkehr überhaupt noch eine Lobby?

Mehr denn je. Es stimmt, das Rad ist „in Mode“, kein Lifestyleheftchen ohne Fahrradthema, kein „Schick und Gesund- Photo“ ohne Rad. Viele Politiker merken das und äußern sich entsprechend. Aber Lippenbekenntnisse reichen nicht – die führen ja nicht dazu, dass die Politiker dann auch die richtigen Entscheidungen in ihrem Bereich treffen und tatsächlich den Radverkehr voranbringen. Die Lobbyarbeit des ADFC beschränkt sich übrigens keineswegs auf Politiker. Kommunale Behörden und Verwaltungen auf allen Ebenen haben oft ein großes Beharrungsvermögen und müssen von Maß - nahmen zugunsten des Radverkehrs erst überzeugt werden.

Wo sehen Sie in Zukunft die inhaltliche Ausrichtung des ADFC? Soll er der ADAC für Radfahrer werden, sich vor allem durch Service - angebote profilieren?

Profilieren wird sich der ADFC immer vor allem durch die Förderung des Fahrradfahrens und der Verbesserung der Bedingungen dazu. Für diese Lobbyarbeit gibt es den ADFC, das steht so als seine ureigenste Aufgabe in der Satzung. Aber klar ist auch, dass der ADFC nicht nur die besonders „velophilen“ Menschen an - ziehen kann, also diejenigen, für die das Fahrradfahren ein ganz besonders intensives Hobby ist. Auch nicht nur diejenigen, bei denen ein besonders intensives Interesse an Verkehrspolitik gegeben ist. Es gibt in Deutschland etwa 30 Millionen Alltagsradfahrer und daran gemessen hat der ADFC mit gut 133.000 Mitgliedern noch deutliches Wachstumspotential. Und da müssen wir uns im Verband gemeinsam fragen: Was brauchen die? Was ist notwendig, damit diese Menschen, die viel Fahrrad fahren, das möglichst gerne, möglichst sicher und möglichst oft tun? Und wenn es Services gibt, mit denen der ADFC das unterstützen kann, dann sollten wir die anbieten. Und natürlich auch auf diesem Wege neue Mitglieder gewinnen, um politisch so stark wie möglich sein zu können.

Wie gewinnt der ADFC angesichts der millionenschweren Lobbyarbeit der Autoindustrie größeres Gewicht in der Verkehrspolitik?

Indem wir viele Fehler nicht machen. Zum einen: Wir sagen deutlich, dass das Fahrrad eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung hat. Vier Millionen verkaufte Fahrräder im vergangenen Jahr, mehr als sechs Milliarden Umsatz allein durch Radtouristen – das ist ja wahrlich nicht nichts. In Sachsen weiß man das entlang des Elberadwegs. In Kopenhagen geht man davon aus, dass jeder Kilometer, der dort mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto gefahren wird, der Gesellschaft 49 Cent spart. Jeder Rad-Kilometer! Wer das verstanden hat, begreift, dass Radverkehr ernst zu nehmen ist und keine Spinnerei von ein paar Liebhabern. Zum anderen: Gute Lobbyarbeit hat heute nichts mehr damit zu tun, dass man den besten R otwein und die dicksten Zigarren verschenkt oder bei Empfängen die meisten Leute unter den Tisch trinkt. Auch lautstarkes Protestieren und die Aneinanderreihung von Forderungen alleine bringen keine nachhaltigen Ergebnisse. Gute Lobbyarbeit braucht vor allem absolut präzise fachliche Arbeit. Vorschläge, die man macht, müssen dem wissenschaftlichen Diskussionsstand entsprechen. Sie müssen rechtlich geprüft sein, jedem Vorschlag der Kosten verursacht, muss ein Finanzierungsvorschlag zur Seite gestellt werden. Bei Vorschlägen zu Gesetzen und Verordnungen müssen präzise Formulierungen von Anfang an Teil der Vorschläge sein. Nicht zuletzt muss die fachliche Arbeit für andere – Abgeordnete und deren Mitarbeiter, Ministerien auf allen Ebenen etc. innerhalb kürzester Zeit abrufbar sein: 48h zur Reaktion auf eine Idee oder einen Vorschlag sind heute die übliche Frist. Und, als Drittes: Gerade weil wir nicht so viel Geld und so viele Leute zur Verfügung haben wie etwa der Automobilbereich, müssen wir uns sehr gut vernetzen. Wir müssen wissen, wer diejenigen sind, mit denen wir gemeinsam Ziele erreichen können. Wir müssen zu den Abgeordneten und deren Mitarbeitern, zu den Ministerien auf allen Ebenen, zu Instituten und anderen Verbänden einen kurzen, belastbaren Draht haben. Unterschiedliche Auffassungen dürfen auf der Arbeitsebene nicht zu Kontaktabbruch führen. Wir dürfen uns nicht auf unseren klassischen Bereich beschränken – zum Beispiel ist überall in Europa und auch global ein enormes Interesse an der Förderung des Radverkehrs im Gesundheitsbereich zu erkennen und das wächst. Da – und in anderen Bereichen – müssen wir immer offen für neue Partnerschaften sein.

Wie kann man Politiker im so genannten „Autoland Sachsen“ von den Vorteilen einer aktiven Radverkehrspolitik überzeugen?

Das Fahrrad ist die Lösung. Lärm, Dreck, Überfüllung der Straßen bringt das Auto auch in Sachsen mit sich. Auch dort sind, wie überall in der EU, etwa 90 % der Fahrten unter 6 km und etwa 40% der Autofahrten unter 2 km lang. Ohne Frage sind das für alle Menschen gute Fahrraddistanzen. Aber das Auto wird statt dessen genutzt - Bewegungsmangel der Menschen ist eine weitere Folge, die im Gesundheitssystem auf Dauer Milliarden kosten wird. Das Fahrrad ist die Lösung.

Macht sich der Umzug des ADFC von Gründungsort Bremen nach Berlin bereits positiv bemerkbar?

Ja, das Hauptstadtbüro hat zu einer sehr guten Resonanz geführt. Wir werden viel besser wahrgenommen, können öfter präsent sein und haben sehr kurze Wege. Von meinen etwa 20 Antrittsbesuchen in Berlin, konnte ich etwa 15 im Umkreis von 700 Metern machen. Nicht dass ich nicht auch - zumal mit dem Fahrrad - weitere Entfernungen zurücklegen könnte, aber es zeigt, wie leicht und unkompliziert das persönliche Netzwerken geht, wenn man direkt mittendrin dabei ist.

Wer sind die Radfahrer, für die der ADFC spricht? Gibt es da einen Schwerpunkt? Gehören auch Leute mit Baumarkträdern zu unserer Klientel?

Alle Radfahrer gehören zur Klientel des ADFC, die Intensiv-Alltagsfahrer genauso wie die Nur-Schönwetter-Fahrer. Und der Preis des Fahr rades oder der Ort, wo es gekauft worden ist, hat damit gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Der ADFC macht sich als Verbraucherschutzorganisation schon lange dafür stark, dass alle Fahrräder, die in Deutschland verkauft werden, sicher und verkehrstauglich sind, ganz unab hängig vom Preis. Denn das Fahrrad ist ein Verkehrsmittel und muss als solches auch von uns Nutzern ernst genommen werden.

Dass der ADFC wachsen muss, darüber sind sich die meisten einig. Wie soll das gehen?

Vom Landesverband Sachsen kann der Rest des ADFC lernen, dass sowohl ein klares verkehrspolitisches Profil als auch gute Angebote für Menschen mit einer „fahrradzentrierten Mobilität“ dafür entscheidend sind.

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